“Es geht darum, Druck in der Öffentlichkeit aufzubauen”

5 Fragen – 5 Antworten: Im zweiten Interview unserer Serie “Frag’ doch mal die BuJuLei” , diesmal mit Marika, geht es um die globale Herausforderung des Klimawandels, feige Politiker und die Lebensqualität des CO2-armen Lebens.
1. Klimawandel ist eine zentrale globale Herausforderung – wieso eigentlich?
Ein Anstieg der durchschnittlichen Erdtemperatur um wenige Grad hat rund um den Globus weitreichende Folgen:
Durch den Meerespiegelanstieg werden viele Inselstaaten und Küstenregionen verloren gehen, zahlreiche Menschen werden zu Flüchtlingen, das Abschmelzen der Gletscher, Wüstenausbreitung und eindringendes Salzwasser verringert unsere Trinkwasservorräte, landwirtschaftliche Anbaugebiete gehen verloren, was zu Nahrungsmittelknappheiten führt, Wetterextreme wie zum Beispiel Hurrikans häufen sich und so weiter.
Der Klimawandel zeigt die Wirkungskette unseres Verhaltens: wenn wir an unserer Umwelt Raubbau betreiben, dann zerstören wir unsere Lebensgrundlage. Deshalb ist es nicht zuletzt eine Frage unserer Lebensweise: wir können einfach nicht länger auf Kosten unserer Umwelt oder ärmer Länder leben.
2. Viele Gruppen fordern eine Begrenzung des Klimawandels auf maximal zwei Grad. Kannst du das kurz erklären?
Im Klimasystem gibt es viele sogenannter Kipppunkte. Sind diese erreicht, so werden “sich selbst verstärkende Effekte” ausgelöst, die sich nicht mehr aufhalten lassen. Zum Beispiel wird durch die Erwärmung das Schmelzen von Meereis ausgelöst. Aufgrund der dunkleren Oberfläche nimmt das Meer wiederum mehr Sonnenstrahlung auf, was zu einer weiteren Erwärmung und einer weiteren Abschmelzung führt.
Um ein „Umkippen“ des Klimasystems zu vermeiden, haben Experten 2007 festgestellt, dass wir eine durchschnittliche Erwärmung der Erdtemperatur um mehr als zwei Grad nicht überschreiten dürfen. Allerdings könnten laut neusten wissenschaftlichen Erkenntnissen eine durchschnittliche Erderwärmung von zwei Grad bis zum Ende des Jahrhunderts diese Kipppunkte bereits auslösen.
Außerdem ist bei einer Überschreitung dieser Temperaturmarke das Abschmelzen des Grönlandeises zu erwarten. Dies würde einen weiteren Anstieg des Meeresspiegels um bis zu 7m und somit den Untergang vieler Inselstaaten bedeuten. Deshalb fordert die BUNDjugend, die maximale durchschnittliche Erderwärmung auf 1,5°C zu beschränken.
3. Hast du noch Hoffnung auf eine internationale politische Lösung? Was müsste im Kern vereinbart werden?
Ein völkerrechtlich verbindliches Abkommen, das auch dem aktuellen Stand der Wissenschaft entspricht, erwarte ich in naher Zukunft leider nicht. Die Politiker hören noch viel zu sehr auf die Interessen der Wirtschaftslobbyisten, die sich um wirkliche Emmissionsreduktionen drücken wollen, wo es nur geht. Dem gegenüber ist der Druck aus der Bevölkerung leider noch nicht ausreichend.
Aber egal auf welchem Weg wir dieses Problem lösen wollen, drastische Emissionsreduktionen in den Industrieländern sind unumgänglich. Bisher vermeiden die Industrieländer diese jedoch mithilfe zahlreicher Schlupflöcher, obwohl sie in der Vergangenheit und auch heute noch die Hauptverursacher für den Klimawandel sind.
Ein Fünftel unserer weltweiten Emissionen entsteht durch Rodung von Regenwäldern. Hier müssen die betroffenen Länder, wie zum Beispiel Indonesien oder Brasilien, beim Kampf gegen (illegalen) Raubbau dringend unterstützt werden. Deshalb brauchen wir eine ausreichende, zur normalen Entwicklungshilfe zusätzliche, finanzielle und technologische Unterstützung der Entwicklungsländer für Anpassungsmaßnahmen und deren nachhaltige Entwicklung.
4. Was müsste hier, in Deutschland und Europa, politisch geschehen, um dem Klimawandel entgegenzutreten?
Wir müssen unsere ganze Lebensweise überdenken. Ziel kann nicht eine ständig steigende Wachstumsrate und Ausbeutung unserer Ressourcen beziehungsweise die der Entwicklungsländer sein, nur damit große Unternehmen genug Gewinn machen. Wir dürfen uns nicht länger von dem Scheinargument Umweltschutzmaßnahmen zerstören Arbeitsplätze blenden lassen – Studien belegen längst, dass das Gegenteil der Fall ist: Umweltschutzmaßnahmen schaffen sogar Arbeitsplätze.
Außerdem müssen wir unsere gesamte Energieversorgung so schnell wie möglich auf Erneuerbare Energien umstellen und auch unseren Energieverbrauch drastisch zurückfahren. Wir können nicht weiter unnötige Subventionen in Atom- und Kohlekraftwerke oder Forschungsgelder in fragwürdige Technologien, wie Kohlenstoffabscheidung oder die Kernschmelze, stecken. Dies verhindert den Ausbau unserer Stromnetze auf eine dezentrale Energieversorgung, wie sie für Erneuerbare Energien notwendig ist. Und das eine hundertprozentige Versorgung durch Erneuerbare Energien in Deutschland bis 2050 und sogar früher möglich ist, belegen mehrere Studien, etwa die des Sachverständigenrats für Umweltfragen der Bundesregierung.
Gleichzeitig kann es nicht sein, dass Billigflüge billiger als eine Reise mit der Bahn sind, öffentlicher Nahverkehr immer teurer wird und biologische Nahrungsmittel teurer als alle anderen sind. Die Bundesregierung und die Europäische Union müssen ihre ganze Subventionspolitik überdenken.
5. An welchen Punkten siehst du jede und jeden von uns gefragt, sich am Klimaschutz zu beteiligen?
Jeder Einzelne hat viele Möglichkeiten, Klimaschutz bei sich umzusetzen. Es geht los mit kleineren Maßnahmen, wie zum Beispiel auf Standby verzichten, Geräte ausschalten, wenn man sie nicht benutzt, mehr zu Fuß, mit dem Fahrrad oder per ÖPNV unterwegs sein, anstatt mit dem Auto. Auf Fliegen verzichten (es gibt auch in Deutschland und Europa schöne Urlaubsorte) und so weiter. Sie sind uns eigentlich allen bekannt, nur müssen wir sie auch umsetzen.
All diese Maßnahmen sollten auch nicht als Einschränkung, sondern als Chance gesehen werden, das eigene Leben besser zu gestalten. Weniger Fleisch zu essen oder mehr Bewegung ist zum Beispiel nicht nur klimafreundlich, sondern auch gesünder. Wir können an Lebensqualität gewinnen, wenn wir zum Beispiel mehr Zeit mit Freunden bei einem Spieleabend als vor dem Computer oder dem Fernseher verbringen und aufhören uns von der Werbung vorschreiben zu lassen, was wir kaufen wollen, ohne es zu brauchen.
Aber es geht auch darum Druck in der Öffentlichkeit aufzubauen, sich an Demonstration, Petitionen und Aktionen für den Klimaschutz zu beteiligen, um Politiker an ihre Pflichten zu erinnern. Auch das kann eine tolle Bereicherung des Lebens sein.


