BUNDjugend Bundesverband - Jugend im BUND für Umwelt und Naturschutz Deutschland

“FOOD CRASH – Wir werden uns ökologisch ernähren oder gar nicht mehr”


Buchvorstellung in Berlin, 8. September

„Die Ernährung ist wichtige Grundlage des Lebens. Mit unserer derzeitigen Art uns zu ernähren, nehmen wir kommenden Generationen jedoch diese Grundlage. Hungernden bleibt nur die Flucht, Rebellion oder der Tod.“
Der Mann am Rednerpult im Haus der Bundespressekonferenz ist Felix zu Löwenstein, promovierter Landwirt und Vorstandsvorsitzender des BÖLW (Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft). In Berlin präsentiert er sein Buch „FOOD CRASH – Wir werden uns ökologisch ernähren oder gar nicht mehr“.

Es verwundert kaum, dass einer Neuerscheinung mit diesem Titel derzeit größere Aufmerksamkeit gewiss ist. Seit Monaten erreichen uns Nachrichten und Bilder einer verheerenden Hungersnot am Horn von Afrika.
Dass das Buch nun ausgerechnet im Beisein des derzeitigen Entwicklungsministers Dirk Niebel vorgestellt wird, überrascht da schon eher. Schließlich fordert Autor Felix zu Löwenstein ein weltweites Umdenken – von ressourcenfressender, industrieller Nahrungsmittelproduktion hin zu einer schonenden, ökologischen Landwirtschaft, die sich natürliche Kreisläufe zunutze macht, anstatt sie willkürlich zu durchbrechen.

Als Niebel das Wort ergreift, macht er deshalb keinen Hehl daraus, dass er „FOOD CRASH“ zwar für einen „wichtigen Beitrag zu einer kommenden, kontroversen Debatte“ erachte, viele Thesen des Buches jedoch keineswegs teile. Er halte Felix zu Löwensteins Behauptung, die ganze Weltbevölkerung sei ausschließlich mittels ökologischem Landbaus zu ernähren, für utopisch und fordere stattdessen eine „nachhaltige Intensivierung und Kommerzialisierung“ der Landwirtschaft.
Doch in den Ausführungen des Ministers offenbart sich an vielen Stellen, dass er schlichtweg nicht weit genug denkt. Ihm fehlt der ganzheitliche Ansatz, den wir so oft in der Politik vermissen. Seine Überlegungen kreisen in einem geschlossenen System, ohne scheinbare Konstanten anzuzweifeln und über den sprichwörtlichen Tellerrand hinaus zuschauen.

Zehn bis zwölf Prozent der weltweiten Treibhausgasemissionen werden von der Agrarindustrie verursacht

„Dürren seien nicht zu verhindern“, stellt Niebel beispielsweise in den Raum. Dies sei grundsätzlich nicht falsch entgegnet zu Löwenstein, weist aber auf einen offensichtlichen Zusammenhang zwischen immer häufiger eintretenden Naturkatastrophen und der fortschreitenden Erderwärmung hin. Momentan werden zehn bis zwölf Prozent der weltweiten Treibhausgasemissionen von der Agrarindustrie verursacht.

Im Buch schildert Löwenstein, dass es auch anders geht. Er nennt sein Modell „Ökologische Intensivierung“ und meint damit die intelligente Nutzung jeweils zur Verfügung stehender Naturressourcen und den weitest möglichen Verzicht auf Pestizide, Dünge- und Futtermittel, was unter anderem auch eine massive Emissionsreduktion zur Folge hätte. Beispielhaft führt er ein Kollektiv haitianischer Bauern an, denen es gelingt auf durchdacht gepflanzten Obstplantagen ausschließlich mittels Kompostdüngung sehr ordentliche Erträge zu erwirtschaften

Diesen Kleinbauern geht es damit um einiges besser, als den meisten ihrer Kollegen in Entwicklungs- und Schwellenländern, wie auch Dirk Niebel wissen sollte. Er gibt zu, dass die Entwicklungshilfe in ländlichen Räumen seit Jahrzehnten sträflich vernachlässigt wurde und gelobt Besserung. Auf die Idee, dass gerade die konventionelle Bewirtschaftung der Äcker und der globale Wettbewerb an der Misere schuld sein könnten, kommt der Mimister aber scheinbar nicht.

Hungernde Bauern, leider kein Paradoxon

Er selbst kenne die Situation genau, sagt Felix zu Löwenstein, der vor einigen Jahren als Entwicklungshelfer in Haiti tätig war. Ein Großteil der Bauern sei hoffnungslos abhängig von wenigen, global agierenden Konzernen. Beim Ankauf der Düngechemikalien verschulden sie sich im Voraus und seien anschließend gezwungen, ihre Ernte restlos abzutreten.

Ein Teufelskreis – 70 Prozent der hungernden Menschen weltweit seien Kleinbauern, stellt der Autor klar.

Auch den zunehmenden Einsatz von Gentechnik sieht er sehr kritisch und widmet ihm einen Abschnitt in „FOOD CRASH“. Das Gefährliche sei vor allem die Entstehung von riesigen Monokulturen. In Argentinien wächst auf 55 Prozent aller Ackerflächen ausschließlich Roundup Ready Soja. Von Artenvielfalt kann demnach keine Rede mehr sein, worunter speziell die Fruchtbarkeit der Böden leidet.
Alternativen betont zu Löwenstein deshalb oft und gerne. Während der Pressekonferenz weist er mehrfach auf das philippinische MASIPAG-Projekt hin. „Lesen sie es nach!“, sagt er dann stets enthusiastisch.

Und das sollten wir, denn mit „FOOD CRASH“ hat Felix zu Löwenstein ein unheimlich informatives, kurzweiliges und rundum empfehlenswertes Buch vorgelegt. Das Werk stimmt nachdenklich, hinterlässt allerdings auch Zuversicht. Zu Löwenstein benennt nämlich nicht nur Probleme, er bietet auch Lösungen an, die in einem erfrischenden Kontrast zur stumpfen Propaganda der Agrarkonzerne stehen.
Deshalb ist es nur zu begrüßen, dass Bundesminister Dirk Niebel die gemeinsame Pressekonferenz nicht verließ, ohne sich vorher ein Privatexemplar von „FOOD CRASH“ gesichert zu haben.

 

FOOD CRASH – Wir werden uns ökologisch ernähren oder gar nicht mehr“ erscheint am 12. September im Pattloch Verlag, hat 320 Seiten und kostet 19,99 Euro.

 

Weitere Empfehlungen zum Thema:

Das Klimakochbuch, herausgegeben von der BUNDjugend. Für alle diejenigen, die die Erde lieber mit vollem Bauch und Kochlöffel retten wollen!

We Feed The World, österreichischer Dokumentarfilm aus dem Jahr 2005, der sich kritisch mit der zunehmenden Industrialisierung der Lebensmittelwirtschaft (u.a. Massentierhaltung) auseinandersetzt. Eindrucksvoller Einstieg in die Thematik!

Good Food – Bad Food, französischer Dokumentarfilm aus dem Jahr 2010, in dem nach der “Anleitung für eine bessere Landwirtschaft” gesucht wird. Komplex und reich an Informationen!