“Ganz grundsätzlich sind Natur- und Klimaschutz auch Biodiversitätschutz”
5 Fragen – 5 Antworten: Im sechsten Interview unserer Serie “Frag’ doch mal die BuJuLei” spricht Jeannine mit uns darüber, ob man Biodiversität essen kann, was sie für die (BUND)Jugend für eine Bedeutung hat und wo wir alle aktiv werden können, um Tiere und Pflanzen besser zu schützen.
1. Du bist zuständig für den Bereich „Biodiversität“. Kann man das essen? Was verbirgt sich dahinter?
Puh – da wird es gleich zu Beginn sehr fachlich: Von der Definition her ist Biodiversität die belebte Vielfalt auf drei Ebenen: genetisch, organismisch und ökologisch. Also, jedes Individuum, egal ob Pflanze, Tier oder Mensch ist durch seine eigene DNS von anderen unterscheidbar – die genetische Diversität. Für uns wird es hier spannend, wenn es um Gentechnik geht. Die organismische Diversität – auch Artenvielfalt genannt, ist am offensichtlichsten. Denn die können wir erleben, indem wir mit Bestimmungsbuch, Fernglas oder Lupe rausgehen und schauen, was uns alles so begegnet. Als Beispiel der Vielfältigkeit, es gibt allein etwa 1 Million verschiedene Insektenarten, aber nur etwa 300.000 Pflanzenarten. Die ökologische Diversität umfasst die zahlreichen Lebensräume, die aufgrund verschiedener Bedingungen (z.B. Klima) entstanden sind. Ökosysteme beinhalten also verschiedene Biotope und ihre Lebewesen. Also zum Beispiel den Fluss von nebenan, die Ostsee, die Alpen, den Acker oder auch den tropischen Regenwald.
Die Bedeutung von Biodiversität ist für den Menschen enorm, uns aber oft nicht so bewusst. Biodiversität versorgt uns mit Nahrung, Heilstoffen und Trinkwasser. Doch diese Biodiversität ist stark durch den Menschen bedroht. Man spricht derzeit vom sechsten großen Massensterben der Erde, denn seit der Industrialisierung in 1900 sterben Arten hundert bis tausend Mal so schnell aus. Ursachen dessen sind hauptsächlich die Zerstörung und Zerstückelung von Lebensräumen / Ökosystemen, invasive Arten, Jagd und Fischerei, Krankheiten und der Klimawandel.
2. Das Jahr 2010 ist das internationale Jahr der Biodiversität. Hat das für dich und die BUNDjugend eine Bedeutung?
Auf jeden Fall. Ich finde es wichtig, dass 2010 das Internationale Jahr der Biodiversität ist. Seit Beginn dieses Jahres wird das Thema intensiv in die Medien gebracht und damit hört die Öffentlichkeit teilweise zum ersten Mal etwas von diesem Begriff. Das schafft eine Sensibilität für die Bedrohung der Biodiversität sowie für ihren Nutzen für den Menschen und so wiederum für unsere Abhängigkeit von funktionierenden Ökosystemen. Ohne eine hohe biologische Vielfalt in den Ökosystemen können diese von geringerem Nutzen für den Menschen sein. Sie sind darüber hinaus nicht mehr stabil und somit vielleicht in ihrer Existenz bedroht.
Diese erhöhte Präsenz kommt der BUNDjugend gelegen. Als Jugendumweltverband ist es unser Ziel computer- und fernsehverwöhnte Jugendliche wieder in Kontakt mit der Natur zu bringen. D.h., sie mit der natürlichen Vielfalt in ihrer Umgebung zu faszinieren, sie aber auch über die komplexen Zusammenhänge von Ökosystemen zu informieren. Studien belegen, dass der Kontakt zur Natur in der Kindheit zu einer sehr viel höheren Sensibilität gegenüber Umweltthemen im Erwachsenenalter beiträgt.
3. Was sind – global gesehen – die größten Herausforderungen?
Der Verlust an biologischer Vielfalt hat ein ähnlich komplexes Ursachengefüge wie der Klimawandel. Wie wir hier in Deutschland Palmöl importieren, hat Auswirkungen auf die Monokulturen in (sub-) tropischen Ländern. Wenn wir Tropenholz kaufen, treibt das die Ausbeute der Regenwälder voran. Aber auch die Aussaat von gentechnisch veränderten Pflanzen in Europa hat Auswirkungen auf die europäische Insektenwelt.
Zwar weiß die Wissenschaft schon eine Menge über ökosystemare Zusammenhänge, aber sie ist immer noch nicht in der Lage, verlässliche Aussagen über die total vorhandene Artenvielfalt zu machen. Je nach Maß kennen wir erst 1-10% aller Arten auf dieser Erde. Verlässliche Zahlen sind aber notwendig, um Vorhersagen machen zu können, welche Regionen besonders vom Diversitätsverlust betroffen sind und somit besonders geschützt werden müssen. Nur mit echten Fakten und Zahlen lassen sich Politiker und die Öffentlichkeit überzeugen. Weitere Forschungsbemühungen sind auch bei den ökosystemaren Dienstleistungen notwendig. Das ökonomische Interesse, also die Inwertsetzung und Monetarisierung von Biodiversität, wird derzeit stark forciert. Meiner Meinung nach kann man einem Ökosystem keinen gewissen Geldbetrag als “Wert” zuweisen, weil dessen Komplexität von Menschen überhaupt nicht erfasst, geschweige denn sinnvoll berechnet werden kann.
Die Biodiversitätsproblematik muss in allen politischen Ebenen berücksichtigt werden mit dem Ziel den Verlust von Biodiversität zu stoppen. Dies muss sowohl durch den Schutz bestehender Natur, als auch durch die so weit wie mögliche Wiederherstellung geschädigter Ökosysteme geschehen.
Ein wichtiger Schritt dahin wäre ein verbindliches internationales Übereinkommen über den Zugang und Gewinn aus Pflanzen und Tieren. Denn es ist bisher so, dass die Industrieländer Zugang zu pflanzlichen Extrakten und Tieren aus anderen Ländern haben und Profit daraus machen, ohne dass die Ursprungsländer daran beteiligt werden. Ein Ausgleich an jene Länder dafür, dass sie ihre vorhandene Diversität schützen und erhalten, erfolgt bisher nicht. Das ist somit auch ein klarer Fall von Nord-Süd Ungerechtigkeit und meint Biopiraterie durch Industrienationen.
Das sind jetzt nur ein paar Einblicke gewesen, doch der Vielfalt an Problemen steht auch eine Vielfalt an Chancen, der Biodiversitätskrise auch auf politischer Ebene zu begegnen, gegenüber. Die kommende CBD im Oktober unter der Präsidentschaft Japans wird hier ein richtungsweisender nächster Schritt sein.
4. Wo können wir hier vor Ort ansetzen, um Tiere und Pflanzen besser zu schützen?
Ganz grundsätzlich sind Natur- und Klimaschutz auch Biodiversitätschutz. Der Erhalt einzelner Arten – besonders von Leit- oder Schlüsselarten – ist genauso wichtig, wie dem Klimawandel entgegen zu wirken. In der individuellen Umsetzung heißt es für mich z. B., dass ich beim Einkauf auf regionale, saisonale und ökologisch angebaute Produkte achte. Ich verzichte weitestgehend auf Fleischprodukte und Fastfood-Ketten. Ich engagiere mich in Artenschutzprojekten und kaufe keine Möbel aus Tropenholz. In vielen Regionen gibt es lokale Initiativen oder BUND- und BUNDjugend-Gruppen, die Führungen in Biotope ihrer Region anbieten und dabei die Öffentlichkeit informieren. Oft sind dann auch Pflegemaßnahmen in Naturschutzgebieten, Flussrenaturierungen oder Bäumepflanzen Bestandteil. All diese kleinen Taten leisten ihren Beitrag, tun nicht weh und machen sogar Spaß.
Aus meiner Sicht ist die stärkste Bedrohung unserer Vielfalt die Zerstückelung und Zerstörung von Naturräumen. Wir müssen uns für gesunde, wilde Natur und dessen Verbund, einen geringeren Flächenverbrauch und eine ökologische sowie nachhaltige Land- und Agrarwirtschaft einsetzen. Dazu brauchen wir die Unterstützung von Naturschutz aus der Öffentlichkeit, die wir nur durch Umweltbildung erreichen können, aber auch den politischen Willen, sich diesem schwierigen aber sehr wichtigen Themas anzunehmen.
5. Du warst diesen Sommer bei einem internationalen Jugendtreffen. Wie retten andere die biologische Vielfalt?
Die YouPEC 2010 war ein sehr motivierender Kongress mit 150 europäischen Jugendlichen. Viele Jugendliche haben sich auch in ihrem Studium auf das Thema Biodiversität spezialisiert. Das Wissen bei der Jugend ist größer, als bei allen vorhergegangenen Generationen. Gleichzeitig besteht die Sorge, dass nachfolgende Generationen durch den anthropogen verursachten Biodiversitätsverlust starke Nachteile erleiden müssen. Somit ist auch die Motivation groß, sich für den Erhalt der biologischen Vielfalt einzusetzen.
Bei sich zu Hause arbeiten einige in Ökoinstituten, sind also direkt bei der Erforschung von Biodiversität und etwaiger sozialen Einflussnahme aktiv. Viele haben auch einen Hintergrund bei Artenschutzprojekten, haben also Vögel kartiert und beringt, Krötentunnel gebaut oder gegen die Errichtung von nicht umweltverträglichen Wasserkraftwerken demonstriert. Also alles Dinge, die wir hier in Deutschland auch tun oder tun können. In verschiedenen Workshops und Diskussionen kam immer wieder zur Sprache wie wichtig es ist, junge Kinder mit Natur in Verbindung zu bringen und so das Bewusstsein zu wecken, dass einmal verlorene Vielfalt unwiederbringlich verloren ist.
Obwohl jeder Einzelne seinen Beitrag leisten kann, ist es notwendig, dass man sich in der Masse an die Politiker und Entscheidungsträger mit klaren Forderungen wendet und ihnen die Augen öffnet, dass es uns nicht egal ist, wie es um die Zukunft der Biodiversität bestellt ist. Deswegen haben alle Teilnehmenden die Deklaration der „YouPEC 2010 on Biodiversity“ unterschrieben und mit einer großen Aktion an den EU-Umweltkommissar übergeben.


