BUNDjugend Bundesverband - Jugend im BUND für Umwelt und Naturschutz Deutschland

“LOHAS kann man nicht anfassen und streicheln”

5 Fragen – 5 Antworten: Im vierten Interview unserer Serie “Frag’ doch mal die BuJuLei” reden wir mit Marcel über Informationsmangel beim Einkaufen, politisches Engagement als Teil eines nachhaltigen Lebensstils und das gesellschaftliche Potential von “Green-IT”.


1. Wann ist aus deiner Sicht ein Lebensstil nachhaltig?

Wenn jeder Mensch auf diesem Planeten so leben würde, wie die Menschen in Deutschland, dann bräuchten wir über 3 Erden. Platz um Lebensmittel anzubauen, Rohstoffe abzubauen, Energie zu produzieren, Müll aufzuarbeiten sowie zu deponieren und um Kohlendioxid zu binden. Ein Lebensstil ist nach dieser Definition des sogenannten ökologischen Fußabdrucks also erst dann wirklich nachhaltig, wenn alle Menschen so leben würden, dass wir nur eine Erde brauchen.

Das ist aber in Deutschland z. B. de facto gar nicht möglich. Die vorhandene öffentliche Infrastruktur und die sonstigen Gegebenheiten summieren sich bereits zur „Un-Nachhaltigkeit“. Bei allen persönlichen Bemühungen um ein ökologisches Leben, können wir es als Einzelne bei diesen Rahmenbedingungen eigentlich gar nicht schaffen, ein nachhaltiges Leben zu führen.

Ein nachhaltiger Lebensstil muss dementsprechend neben dem eigenen bewussten Verhalten auch das Engagement und den Willen umfassen, an den sonstigen Gegebenheiten etwas zum Positiven verändern zu wollen. Das klingt nach ziemlich harter Arbeit, angesichts der riesigen Herausforderungen ist das aber auch nicht weiter verwunderlich. Es führen aber natürlich auch schon kleine Schritte in die richtige Richtung: ein achtsames Leben, dieses auch von Dritten fördern und fordern, sowie Druck auf Politik und Unternehmen aufbauen, entweder im Kleinen im privaten Umfeld, oder im Großen bis hin zur internationalen Politik. Egal, ob einzeln oder organisiert – wie etwa in der BUNDjugend – es gibt viel zu tun. Fangen wir doch schon mal an.


2. Besteht die BUNDjugend aus lauter LOHAS (
Lifestyle of Health and Sustainability)? Was trägt die BUNDjugend zu einem nachhaltigen Lebensstil bei?

LOHAS kann man nicht anfassen und streicheln. Es gibt auch keinen Volksstamm der LOHAS. Der Begriff LOHAS wurde von den US-Soziologen Paul Ray und Ruth Anderson geprägt. Aufgegriffen wurde er dann von Beratungsgesellschaften und der Werbeindustrie, die den stärker werdenden Trend für die Vermarktung neuer sozial- und ökologisch-verträglicher Produkte nutzen wollten. Somit wird man bei der BUNDjugend auch keine LOHAS treffen wie sie in der Werbeindustrie dargestellt werden, wohl aber junge Menschen, die sich mit sozialen und ökologischen Problemen auseinandersetzen.

Auch wenn sicherlich begrüßenswert ist, dass soziale und ökologische Themen mittlerweile einen größeren Anklang in weiten Teilen der Gesellschaft finden, droht dadurch auch die Gefahr der Verwässerung. Der Kritik an „den LOHAS“ folgend, sind die an Nachhaltigkeit und Gesundheit interessierten Menschen vor allem auch an sich selbst und ihrer Außenwirkung interessiert. Öko-Produkte sind dann meist nur ein Feigenblatt vor den eigentlich desaströsen ökologischen Folgen des eigenen Lebensstils. Wenn das zuckerreduzierte Erfrischungssgetränk eines amerikanischen Großunternehmens oder die Hybrid-Version des tonnenschweren Geländewagens die einzigen Folgen des LOHAS-Trends sind, dann trägt dieser in Wahrheit doch nicht zu einem nachhaltigen Lebensstil bei.

Die Aufgabe von Verbänden wie der BUNDjugend ist deshalb die kritische Begutachtung des gesellschaftlichen Verständnisses von Nachhaltigkeit. Gleichzeitig bietet die BUNDjugend die Möglichkeit, selber aktiv zu werden und Nachhaltigkeit zu gestalten und zu leben. Während die Werbeindustrie am Konsum ökologischer Produkte interessiert ist, bietet die BUNDjugend Raum für Konsumverzicht und politische Aktionen und Projekte.


3. Welche Macht liegt nach deiner Einschätzung beim Verbraucher, welche Verantwortung bei den Produzenten?

Schon die Ökonomie beschäftigte sich mit der Fragestellung, wer eigentlich die Gestalt von Produkten bestimmt. Der Verbraucher, der durch seine Kaufentscheidung indirekt Einfluss auf Unternehmensentscheidungen übt oder der Produzent, der durch effektives Marketing das Interesse des Konsumenten an seinen Produkten weckt.

Schumpeter stellte bereits 1926 die relative Macht der Anbieterseite fest. Viele neue Bedürfnisse werden so den Konsumenten von Produzentenseite her “anerzogen”, z. B. in der Unterhaltungs- und Freizeitindustrie. Wieder andere Unternehmen geben uns aufgrund vergleichbar schlechter Leistungen in Nachhaltigkeitsaspekten oder schlechter Transparenz keine echte Wahlfreiheit, z. B. in der Automobil- und Ölindustrie. Auch wenn BP gerade zu Recht schlechte Presse wegen der Ölkatastrophe erhält, wäre es doch blauäugig zu behaupten, die anderen ölfördernden Unternehmen hätten ein besseres Risikomanagement.

Aufgabe eines wirklich an Nachhaltigkeit interessierten Unternehmens muss deshalb das Anbieten einer tatsächlichen Alternative sein. Nachhaltigkeit muss Kern des Unternehmens und des Produktes sein, nicht nur ein aufgesetztes unglaubwürdiges Extra.

Nichtsdestotrotz bleibt es natürlich die Entscheidung des Verbrauchers, ob und welche Produkte er dann tatsächlich konsumiert.


4. „Kauf die Welt besser“ – ist das ein Motto, das aufgeht? Welche Rolle spielt z. B. die Politik?

Natürlich spielen die alltäglichen Konsumentscheidungen eine Rolle bei der Aufrechterhaltung oder Beseitigung sozialer und ökologischer Missstände. Mit nachhaltigem Konsum allein ist die Welt allerdings nicht zu retten.

Zum einen, weil Konsum nicht alle Probleme lösen kann. Gerade in den gesättigten westlichen Industriegesellschaften geht es vielmehr um die gezielte Rücknahme überzogenen Konsumverhaltens und eine Rückbesinnung auf alte Werte. Zum anderen ist der Verbraucher sowohl beim Konsum als auch beim Konsumverzicht ständig gewissen Sachzwängen unterworfen. Der Umstieg vom Auto auf den öffentlichen Nahverkehr ist aufgrund der Attraktivität der alternativen Verkehrsträger häufig nicht praktikabel, teure, ökologisch optimierte Produkte kann sich nicht jeder leisten. Auch wenn sich durch eine Umstellung der eigenen Lebensweise viele dieser Sachzwänge in gewissen Teilen auflösen lassen, ist ein solcher radikaler Umbruch mit dem eigenen Leben für viele nicht in (gefühlt) greifbarer Nähe.

Des Weiteren fehlen Konsumenten häufig die für ihre Entscheidung relevanten Informationen. Wie produziert ein Unternehmen? Wie behandelt es seine Mitarbeiter? Wie ökologisch ist das Produkt? Erst wenn diese und weitere Fragen eindeutig geklärt werden können und es einen deutlichen Unterschied zwischen verschiedenen Produkten verschiedener Hersteller gibt, ist strategischer oder nachhaltiger Konsum möglich.

Die Politik hat die Aufgabe, diese Herausforderungen mit anzupacken. Sie muss Transparenz von den Unternehmen fordern, den Kauf nachhaltiger Produkte fördern und auch die bewusste Entscheidung zu einem bewussten und achtsamen Leben abseits des grenzenlosen Konsums fördern.

Nicht zuletzt darf die Politik nicht die gesamte Verantwortung auf die Verbraucher abwälzen. Nachhaltigkeit ist insbesondere auch eine komplexe politische Herausforderung, die dort auf allen Ebenen angegangen werden muss. Wer die Rettung der Welt darauf reduziert, statt Produkt A Produkt B zu kaufen, übersieht die Komplexität des Themas.


5. Für viele wird die Vernetzung per Internet immer wichtiger. Welches „grüne Potential“ liegt im IT-Bereich?

Die Forschung und Entwicklung von Computertechnologie war zum größten Teil der Verdienst des Militärs. Insbesondere in den USA hat das Militär bis heute noch einen großen Einfluss auf aktuelle IT-Forschungsprojekte. Informations- und Telekommunikationstechnologie macht Massenvernichtungswaffen tödlicher, den Bürger gläserner und den Überwachungsstaat möglich. Zugleich schürt der Abbau von Edelmetallen zur Platinenherstellung den Bürgerkrieg im Kongo. Des Weiteren trägt mittlerweile das Internet im selben Maße zur Klimaerwärmung bei wie etwa der internationale Flugverkehr, mit steigender Tendenz. Der Energiebedarf ist riesig. Virtuelle Charaktere in Online-Spielwelten haben zum Teil einen größeren ökologischen Fußabdruck als ein Mensch im „globalen Süden“.

Man sollte es sich aber nicht zu leicht machen und deshalb die Informations- und Telekommunikationstechnologie verteufeln. Der Material- und Energieaufwand zur Produktion und zum Betrieb von IT verbessert sich ständig. Nicht zuletzt liegt in dem intelligenten Einsatz von IT der Schlüssel zum Erfolg. Auch wenn die IT für 5% der Treibhausgasemissionen verantwortlich ist, kann sie helfen, die restlichen 95% der Emissionen zu verringern. Die IT verbessert herkömmliche Prozesse und spart so Emissionen ein. Außerdem macht sie “Nachhaltigkeitsinnovationen” zum Teil überhaupt erst möglich. Hocheffiziente Elektroautos, intelligente Carsharing- Konzepte und ein verzahnter öffentlicher Nahverkehr wären ohne IT genauso wenig denkbar, wie das „Kraftwerk der Zukunft“. Weil die Sonne nicht immer scheint und der Wind nicht immer weht, können durch IT Sonnen- und Windenergie mit Biomasse und Speichermedien zu einem virtuellen Kraftwerk kombiniert werden, damit regenerativer Strom stets den Bedarf decken kann. Das „Internet der Energie“ wird zukünftig sogar einen Teil des Bedarfs steuern können, z. B. indem tausende von Waschmaschinen erst dann starten, wenn die Windanlagen an der Nordseeküste unter Volllast laufen.

Vor allem aber bringt das Internet, trotz aller örtlichen Distanz, die Menschen wieder zusammen. So können sich VerbraucherInnen über Produkte und Unternehmen informieren, Produkte und Dienstleistungen tauschen und gemeinsam an der nächsten Kampagne zum Klimaschutz arbeiten. Nicht nur das Militär ist mittlerweile auf die IT angewiesen, auch die Arbeit der BUNDjugend wäre ohne Computer und Internet sicherlich in vielen Teilen nicht möglich.