BUNDjugend  

Zukunftskommission Landwirtschaft

Es geht um unsere Zukunft. Wir wollen sicherstellen, dass die Perspektiven, Ideen und Visionen junger Menschen berücksichtigt werden!

Welche Probleme gibt es in der Landwirtschaft?

Der weltweit steigende Fleischkonsum und die Abwendung von regionalen und ökologisch hergestellten Produkten führen zur Zerstörung der Natur, treiben den Klimawandel voran und rauben Ressourcen und Flächen in anderen Ländern der Welt. Wenn du dich intensiver mit den Problemen in der Landwirtschaft beschäftigen möchtest, klicke auf die Themen, die dich besonders interessieren:

Landwirtschaft und Klimakrise

Die industrielle Landwirtschaft ist für ein Drittel der Treibhausgase weltweit verantwortlich!  In Deutschland ist sie für mehr als zwölf Prozent der Treibhausgasemissionen verantwortlich. Sie ist somit nicht nur Opfer des Klimawandels, sondern trägt auch selbst dazu bei.

Die intensive Nutzung und Überdüngung von Böden, die Massentierhaltung und die großflächige Umwandlung naturbelassener Ökosysteme wie Wälder und Moore führen zu immer mehr klimaschädlichen Gasen wie Methan und CO2. Durch Anbauflächen für Soja als Tierfutter und Rinderweiden, für die naturnahe Flächen umgenutzt werden, wird das Klima stark beeinflusst. Für die 4,5 Millionen Tonnen Sojaschrot, die wir jährlich importieren, beansprucht Deutschland knapp 3 Millionen Hektar Fläche im Ausland.

Gefährdung der Biodiversität

Nicht nur das Klima leidet unter den negativen Auswirkungen der industriellen Landwirtschaft, sondern auch die Ökosysteme. Um eine größtmögliche Ernte und größtmögliche Einnahmen einzufahren, werden große Flächen „maschinentauglich“ gemacht. Dafür müssen Flussläufe, Waldstücke oder hügelige Landschaftszüge weichen. Über Jahre hinweg werden diese Flächen dann als Monokultur mit einer einzigen und besonders ertragreichen Nutzpflanzen-Art bewirtschaftet. Vielfalt hat so keine Chance: weder Insekten in Luft und Boden, Kleintiere in Wald und Feld, noch wilde Gräser und Blumen überleben diese Prozedur.

Eine Studie, die das Insektenvorkommen in Naturschutzgebieten in den letzten 27 Jahren in Deutschland gemessen hat, kommt zu dem Ergebnis, dass die Anzahl an Insekten um mehr als 75% zurückgegangen ist. Einer der Hauptgründe für diesen besorgniserregenden Rückgang sei der Einsatz großer Mengen Chemikalien wie Pestizide und Herbizide.

Pestizide sind eine große Gefahr für die Natur. Insekten-, Vögel- und Kleintierbestände gehen seit Jahren zurück, weil sie von den Chemikalien vergiftet werden und die Nahrungskette unterbrochen wird. Die Nitratbelastung des Wassers durch Dünger aus der Landwirtschaft zerstört Ökosysteme in Seen und Fließgewässern. Das führt letztendlich zu sauerstoffarmen Bereichen in der Nord- und Ostsee – sogenannten „Todeszonen“.

Durch den hohen Einsatz von Düngemitteln, die die Pflanzen nur zum Teil aufnehmen können, steigt die Belastung unseres Trinkwassers und die Säuberung wird immer schwieriger. Bei einer zu hohen Konzentration ist es nicht mehr möglich, das Trinkwasser zu reinigen und es muss von weit her geholt werden, was sehr aufwendig und teuer ist.

Dazu kommt, dass es in der landwirtschaftlichen Produktion selbst nur noch eine begrenzte Anzahl an Pflanzensorten und Tierrassen gibt – 1.000 der 6.400 Nutztierrassen sind bereits ausgestorben. Besonders deutsche Viehzuchtunternehmen setzen nicht auf alte Rassen und bieten stattdessen „moderne“ Hochleistungstiere an, die eigens für die industrielle Tierhaltung gezüchtet wurden.

Pestizide und Herbizide: Chemische Substanzen zur Beseitigung von als lästig oder schädlich empfundenen Insekten bzw. „Unkräutern“, auch Pflanzenschutz- oder Unkraut- bzw. Insektenvernichtungsmittel genannt.

Monokultur: Landwirtschaftliche oder forstwirtschaftliche Fläche, die über mehrere Jahre mit nur einer einzigen, häufig stark nährstoffbedürftigen Nutzpflanzenart bepflanzt wird; beispielsweise mit Raps oder Mais. Dadurch verschlechtern sich die Struktur und der Nährstoffgehalt des Bodens, so dass dieser nach einer solchen jahrelangen Nutzung nur eingeschränkt oder gar nicht mehr nutzbar ist.

Dumpingpreise und Wachstumszwang

Landwirtschaftliche Erzeuger*innen werden im aktuellen Agrarsystem dazu gedrängt, ihre Preise zu drücken, ihre Angestellten auszubeuten, ihre Flächen möglichst intensiv und ressourcenintensiv zu bewirtschaften und möglichst stark zu wachsen. Das Ziel: Die Produktivität erhöhen, dadurch dass die Kosten auf der Input-Seite gering gehalten werden und möglichst viel dabei herausgeschlagen wird. Dann können auch bei niedrigen Lebensmittelpreisen noch hohe Gewinne erwirtschaftet werden.

Diese „Wachsen statt Weichen“-Logik bedeutet für viele kleinbäuerliche Strukturen oder kleine Höfe das Aus. Doch eine zukunftsfähige Landwirtschaft sollte die Vielfalt an bäuerlichen Strukturen und landwirtschaftlichen Betriebsformen erhalten. Wertschöpfung sollte sich nicht aus einer möglichst hohen Produktivität der landwirtschaftlichen Erzeugung nähren. Stattdessen sollten Kriterien wie ökologische Nachhaltigkeit, kurze Lieferketten und Transportwege oder regionaler und saisonaler Anbau und Vertrieb Orientierungspunkte für Wertschöpfung in der Landwirtschaft der Zukunft sein. 

Es braucht eine größere Wertschätzung von Lebensmitteln, ihrer Produktion und ihrer Verfügbarkeit. Das soll sich in fairen (Mindest)Preisen wiederspiegeln. Eine Preiserhöhung für landwirtschaftliche Produkte muss gleichzeitig sozial gerecht sein und dabei einhergehen mit allgemeiner ökonomischer Umverteilung. Eine gute Versorgung mit Nahrungsmitteln darf nicht zu einem Privileg weniger werden, sondern ist das Recht aller.

  • andere (statt nur mehr) Wertschöpfung
  • nachhaltiges Landwirtschaftssystem ohne Wachstumszwang
  • Lebensmittelpreise müssen Produktionskosten decken
  • positiver Beitrag ökologisch produzierender Landwirt*innen muss mehr gesellschaftliche Anerkennung erfahren und auch ökonomisch wertgeschätzt werden

Mehr Wertschätzung für landwirtschaftliche Erzeuger*innen bedeutet gleichzeitig auch, dass diese mehr gesellschaftliche Verantwortung übernehmen können und müssen. Viele ökologisch wirtschaftenden Bäuerinnen und Bauern tragen durch ihre Tätigkeiten zur Erhaltung der Biodiversität, zum Klimaschutz oder zur Förderung gesünder Böden bei. Dieser Beitrag muss mehr gesellschaftliche Anerkennung erfahren und auch ökonomisch gewertschätzt werden.

Globalisierung und Handelsabkommen

Landwirtschaftliche Betriebe müssen immer mehr produzieren, um im Wettbewerb des globalen Lebensmittel- und Agrarrohstoffmarktes mithalten zu können. Wer nicht wachsen will, muss weichen, denn der von Börsenwerten und Spekulationen geleitete Weltmarkt hat die Macht die Preise zu bestimmen. Wer nicht mit den geforderten Billigpreisen mithalten kann, muss den landwirtschaftlichen Betrieb aufgeben. Das trifft in erster Linie die kleinen Betriebe.

Produktion, Verkauf und Konsum von Lebensmitteln wird durch das Welthandelssystem global organisiert. Die WTO beschäftigt sich als eigenständige internationale Organisation mit der Regelung von Handels- und Wirtschaftsbeziehungen, um ihr selbst ernanntes Ziel eines freien Welthandels zu erreichen. So setzt die internationale Handelspolitik, beeinflusst von der WTO (Welthandelsorganisation) und den Lobbyorganisationen großer Agrarkonzerne, auf Freihandelsabkommen sowie die Senkung von Zöllen, um den weltweiten Austausch von Waren
zu vereinfachen und zu begünstigen. Viele Regierungen lockern absichtlich ihre Regeln, um einen möglichst freien Markt zu gewährleisten und damit Wirtschaftswachstum zu fördern. Der Schutz der Natur und die Einhaltung der Menschenrechte treten in den Hintergrund.

Mithilfe von Steuergeldern, die durch Subventionen und Förderprogramme verteilt werden, lenkt deshalb auch die EU die Entwicklungen in der Landwirtschaft mit dem obersten Ziel der Steigerung der Produktivität in die falsche Richtung: Ihre Subventionspolitik fördert große Agrarbetriebe und „Masse statt Klasse“. Das alles zeigt: die großen Agrar- und Nahrungsmittelkonzerne haben zu viel Einfluss und werden zu wenig reguliert!

Zum Weiterlesen: Der Bodenatlas 2015 und saveoursoils.com/de

Die europäische Agrarpolitik (GAP)

Kein anderer Wirtschaftsbereich der EU ist so stark von gemeinschaftlichen Regeln geprägt wie die Landwirtschaft: 38% des EU-Budgets steht der „Gemeinsamen Agrarpolitik“ (kurz: „GAP“) zur Verfügung. Das sind ganze 60 Milliarden Euro! Grund für diese starke europäische Integration sind gemeinsame Interessen: Durch EU-weite Regelungen soll Stabilität für die Landwirtschaft und Ernährungssicherheit für EU-Bürger gewährleistet werden. So können beispielsweise regionale Ernteausfälle abgefedert und der innereuropäische Markt vor ausländischem Wettbewerb geschützt werden.

Was macht die Gemeinsame Agrarpolitik (GAP)?

Die GAP lenkt die Landwirtschaft vor allem durch Subventionen. Oft wird von den zwei Säulen der GAP gesprochen. Das sind zwei verschiedene Bereiche der GAP, die sich durch unterschiedliche Finanzierungsmodelle und Ziele auszeichnen.

Die erste Säule soll Einkommenssicherheit und internationale Wettbewerbsfähigkeit sicherstellen. 2018 haben Landwirtschaftsbetriebe in Deutschland so 4,8 Mrd. Euro erhalten. Finanziert wird die erste Säule ausschließlich aus EU-Mitteln

Ziel der zweiten Säule ist u.a. die Entwicklung des ländlichen Raums, Ökolandbau, sowie Gewässer- und Natur- und Tierschutz. Neben Landwirtschaftsbetrieben erhalten auch Kommunen und Vereine Geld aus diesem Topf. Diese Säule wird aus nationalen Mitteln kofinanziert. In Deutschland erhielten die Zahlungsempfänger 2018 insgesamt 1,4 Mrd. Euro.

Was läuft bei der GAP falsch?

Jedes Jahr im Januar findet in Berlin die „Wir haben es satt!“-Demo statt. Dort kritisieren Landwirt*innen und Umweltschutzorganisationen schon seit Jahren Fehlentwicklungen der GAP.

Das EU-Landwirtschaftsbudget könnte in der Theorie viel Gutes bewirken. In der Praxis wird das Geld jedoch unfair verteilt: 80% der EU-Gelder gehen an nur 20% der Betriebe! Das liegt daran, dass ein großer Teil des Budgets der ersten Säule sehr pauschal nach Fläche verteilt wird. Für jeden Hektar Land erhalten Betriebe eine Flächenprämie von 267€. 2019 haben beispielsweise Aldi-Erben eine landwirtschaftliche Fläche von 3500 Hektar erworben. Dafür erhalten sie nun jährlich Subventionen von über einer Million Euro.

Meist profitieren also nicht Kleinbauern, sondern Großbetriebe von diesen EU-Zahlungen: Mittlerweile besitzen 3,1% der Betriebe die Hälfte der EU-Agrarfläche. Kleine Höfe können diesem Wettbewerbsdruck nicht mehr standhalten: Jede Stunde macht in Deutschland ein Bauernhof dicht!

Die zweite Säule ist flexibler und kann an regionale Herausforderungen angepasst werden. Hierbei werden Landwirt*innen für konkrete gesellschaftliche Leistungen wie ökologische Landwirtschaft oder Tierwohl finanziell belohnt. Nur durch den Ausbau der zweiten Säule kann eine sozial gerechte Agrarwende stattfinden. Allerdings soll ausgerechnet die sowieso schon kleinere zweite Säule ab 2021 um 27% zusammengestampft werden.

Bei der GAP muss sich dringend etwas ändern!

Immer mehr Bäuer*innen bauen ihre Ställe um und erzeugen Lebensmittel ohne Gentechnik. Auch nutzen immer mehr Betriebe weniger Pestizide oder setzen komplett auf Bio. Das zeigt: Bäuer*innen wollen eine Veränderung, brauchen dafür aber finanzielle Unterstützung, um Maßnahmen für Artenvielfalt, Klimaschutz und Stallumbau zu finanzieren.

Zum Weiterlesen: