Ehrenamt und Privileg
Unser Bundesvorstandsmitglied Marvin spricht zum Privileg des Engagements und berichtet von seinen persönlichen Erfahrungen.
Jährliche Sportfeste, regelmäßige Basare, die wöchentliche Kindergruppenstunden, die Essensvergabe bei der Tafel, der Faschingsumzug, die Seniorennachmittage, der Nachhilfeunterricht und vieles mehr prägten den Alltag in meinem Heimatort. An allen Ecken und Enden fanden Veranstaltungen und Angebote statt, die von engagierten Menschen aus allen Kontexten geplant, vorbereitet, organisiert, getragen, betreut und umgesetzt wurden.
Ein wertschätzendes Miteinander, die Freude daran, gemeinsam etwas auf die Beine zu stellen, und die Bereitschaft, sich ohne unmittelbare Gegenleistung einzubringen, verdienen große Anerkennung. Eine solche Haltung kann zudem Entwicklungen anstoßen, die zunächst nicht vorhersehbar sind. Was dies mit Privilegien zu tun hat, möchte ich im Folgenden anhand meines bisherigen Lebenswegs näher erläutern.
Ehrenamtliches Engagement gehört für einen großen Teil junger Menschen zum Alltag. 2019 waren 42 Prozent der 14- bis 29-Jährigen freiwillig engagiert.1 Dabei haben die Aktiven nicht nur selbst die Chance, über sich selbst hinauszuwachsen, Gemeinschaft zu erfahren und Wertvolles zu lernen, sondern geben in erster Linie anderen etwas zurück. Ob im Naturschutz, im Rettungsdienst, in der Unterstützung von Senioren oder beim Nachhilfeunterricht: Engagement zeigt sich bunt und somit sollte eigentlich für jede*n etwas dabei sein.
Nur leider haben nicht alle dieselbe Möglichkeit, sich zu engagieren: Auch wenn Ehrenämter grundsätzlich so ausgestaltet sein sollten, dass Engagement für alle zugänglich wird, ist anzuerkennen, dass dafür die Bedingungen doch sehr unterschiedlich sind. Das liegt nicht immer primär an der Einrichtung oder der Tätigkeit selbst, sondern maßgeblich daran, dass die potenziellen Aktiven teils komplett andere Lebensbedingungen und Umstände haben, die das Engagement erschweren.
Beispielsweise müssen für Engagement auch erst einmal persönliche Kapazitäten verfügbar sein, die noch nicht anderswo im Alltag verplant sind, gerade wenn man bereits engagiert im eigenen Umfeld durch Care-Arbeit (Kinder- und Krankenbetreuung, Haushaltstätigkeiten, emotionale Arbeit) aktiv ist. Vor allem für Frauen ist festzustellen, dass trotz Interesse an ehrenamtlichen Aktivitäten insbesondere diese informellen Care-Verpflichtungen den individuellen Handlungsspielraum deutlich einschränken können.2
Hinzu kommt das Thema „Sicherheit“ als entscheidender Faktor: Gerade finanzielle Unsicherheit kann die eigenen Möglichkeiten zur Teilnahme erheblich einschränken.3 Auch hier gilt: Wer bereits mit Lohnarbeit und zusätzlichem Nebenjob o.ä. eingespannt ist, dem bleiben unter Umständen keine zeitlichen oder emotionalen Ressourcen für Engagement, da die verbleibende Freizeit zu einem Großteil in die eigene Regeneration aufgewendet werden muss.4 Diese Umstände hängen teils eng zusammen und bedingen bzw. verstärken sich auch gegenseitig.
Marvins Privileg und Ehrenamt
Ich selbst kann gerade den finanziellen Aspekt dabei sehr nachvollziehen, da ich mir bereits während der Schulzeit Gedanken um meine Studiumsfinanzierung machen musste. Auch für viele andere junge Menschen stellt die finanzielle Zukunft eine große Sorge dar.5 Finanzielle Unsicherheit kann dabei mit einer geringeren Bereitschaft bzw. geringeren Möglichkeiten für Engagement einhergehen, da Zeit und Ressourcen verstärkt für Lohnarbeit und Ausbildung benötigt werden.
Schaut einmal zurück.
Könnt Ihr Euch an Momente erinnern, die sich im Rückblick als ganz entscheidend für Euer weiteres Leben entpuppten? Bei mir jedenfalls muss ich oft daran denken, wie schon scheinbare Kleinigkeiten in meinem Leben ganz neue Türen geöffnet haben, die man im ersten Moment noch überhaupt nicht vorhersehen konnte. Vor allem meine eigene BUNDjugend-Geschichte ist da ein gutes Beispiel:
Ich habe das Privileg, dass ich mein Studium direkt nach dem Abitur dank eines Stipendiums von Villigst antreten konnte. Das Evangelische Studienwerk Villigst ist eines der 13 Begabtenförderungswerke Deutschlands und wird durch das Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR) sowie die Evangelische Kirche getragen. Das Evangelische Studienwerk fördert Studierende und Promovierende aller Fachrichtungen an Universitäten und Fachhochschulen und hat im Rahmen eines Pilotprojekts auch Auszubildende in die Förderung aufgenommen. Abseits der sehr entlastenden finanziellen Förderung gehört auch die ideelle Förderung dazu, bei der man zum Austausch mit anderen Stipendiat*innen zu spannenden Themen zusammenkommt und gemeinsam Inputs aus einer Vielzahl von Fachgebieten hört oder auch direkt selbst aktiv wird.
Auch mein bevorstehender Auslandsaufenthalt in Schweden wird durch Villigst ermöglicht. Dort werde ich nicht nur spannende Lehrveranstaltungen an der Universität besuchen können. Dieser Auslandsaufenthalt eröffnet mir zugleich die Möglichkeit, die Coalition Clean Baltic (CCB) näher kennenzulernen. Die CCB ist eine internationale Umweltorganisation, die sich für den Schutz der Ostsee einsetzt und in der auch der BUND Mitglied ist. Aus diesen Verbindungen können in den kommenden Monaten spannende gemeinsame Projekte entstehen.
Doch Villigst und mein Engagement haben noch eine Sache mehr miteinander zu tun: Durch Villigst bin überhaupt erst zur BUNDjugend gekommen.
Mit dem Ende meiner Schulzeit hatte ich mir selbst das Ziel gesetzt, ab jetzt erst einmal neue Dinge auszuprobieren. Dazu gehörte, dass ich mein Studium nicht in der nächstgelegenen hessischen Stadt beginnen wollte, sondern an einem anderem Ort mit ganz neuem Umfeld und anderem Schwerpunkt. Auch wenn ich mich zu diesem Zeitpunkt bereits schwer mit der Entscheidung für ein genaues Studienfach tat, da ich am liebsten die besten Aspekte von zehn Fächern studiert hätte, fiel die Entscheidung dann auf den Studiengang Umweltwissenschaften an der RPTU in Landau. Als ich 2023, also frisch nach dem Abi und gestärkt durch die Zusage von Villigst, nach Landau zog, bahnten sich die ersten Entscheidungen an: Viele meiner vorherigen Ehrenämter in meiner lokalen Kirchengemeinde waren aus der Ferne nicht mehr möglich, weshalb ich unbedingt Ausschau nach Neuem hielt.
Ich wollte wieder am Kinder- und Jugendtelefon, eher bekannt unter der „Nummer gegen Kummer“, aktiv werden und mich in der Uni einbringen.
Als ich bereits kurz nach meinem Umzug fürs Studium durch Zufall über einen Last-Minute-Aufruf im Villigster Mailverteiler auf den Youth Hub aufmerksam geworden war, verbrachte ich kurzerhand meine allererste Woche in Berlin – und verpasste dafür ein paar Lehrveranstaltungen. Dort durfte ich wunderbare Menschen aus allerlei Regionen und Hintergründen kennenlernen, vor allem aber neben den Klimaverhandlungen auch überhaupt die BUNDjugend. Nach der großartigen Woche bin ich damals direkt der BUNDjugend und dem AK Klima beigetreten und seither nahm alles so seinen Lauf.
Dort bin ich auf Menschen getroffen, die mir deutlich ähnlicher waren als viele in meinem eigentlichen Heimatdorf. Ich lernte also einmal beim BUND aber auch über Villigst immer mehr Menschen kennen, die mir nochmal eine ganz andere Perspektive auf mich und die Welt gegeben haben. Gleichzeitig besuchte ich neben den vielen naturwissenschaftlichen Veranstaltungen auch zusätzlich welche aus dem Bereich der Umweltsozialwissenschaften, Philosophie und absolvierte einen Grundkurs in Althebräisch. Es bahnte sich schon an, dass das insgesamt auf diese Weise schon ziemlich viel ist, aber der Modulplan in meinem Studienplan nur wenig Flexibilität einräumte. Parallel zu den letzten Veranstaltungen in Landau und meinem aufregenden neuen Amt für die BUNDjugend im Wissenschaftlichen Beirat des BUND wurde mir immer bewusster, wohin die Reise eigentlich gehen sollte. Ich sprach das damals bei meiner Studienleitung in Villigst an und bekam großen Rückenwind, zu entscheiden, was besser passt als das Studium in Landau.
Nach langem Ringen mit mir selbst, einer insgesamten Unzufriedenheit mit dem modularisierten Bachelor/Master-System seit der Bologna-Reform, ewigem Wälzen von gefühlt jeder Studienordnung für Studiengänge in der Bundesrepublik und vielen weiteren Gesprächen mit Freund*innen, Familie, Professor*innen und weiteren besann ich mich – fast schon ironischerweise – auf Klein-Marvin zurück: Etwas in Richtung Umwelt musste es unbedingt sein, weil das mit Abstand die drängendsten Fragen unserer Zeit sind. Aber der Zugang dazu, der war bei mir ein wenig anders als im Rest der Umweltbubble. Schon seit dem Kleinkindalter hat mich die Faszination für vergangene Zeiten gepackt. Ganz früh klassischerweise natürlich das Interesse für Ägypten: Mumien, das Nildelta, aber wie haben die das damals eigentlich alles gemacht? Aus einer Mischung an Vorurteilen und sicher auch eher diffusen Zukunftsängsten – die sicher auch klassenbedingt sind – hatte ich die eigentlich ziemlich naheliegenden Gedanken, und auch das positive Ergebnis eines Studienorientierungstests an ein Archäologiestudium bereits während der Abiturprüfungszeit ad acta gelegt. Aber wieso eigentlich? „Und wieso eigentlich nicht?“, bekam ich von Villigst zu der Idee zu hören. So fiel die Wahl am Ende auf eine – wie ich finde – gelungene Mittellösung: Geographie sowie Ur- und Frühgeschichte an der Uni Heidelberg. Und das war dann auch der Gamechanger: passendere Veranstaltungen, endlich auch selbst denken dürfen und Wahlmöglichkeiten im Studium.
Kaum versieht man sich, ist man drei Jahre später unter anderem im Bundesvorstand, sitzt regelmäßig in Gesprächen mit Ministeriumsreferent*innen bis hin zu Regierungsmitgliedern über Gesetzesvorhaben oder (wirklich aus Zufall!) neben Merkel beim Abendessen. Und auch was das Studium angeht, ergänzen sich Engagement und Ausbildung jetzt auch wesentlich besser. So stellte sich heraus, es gibt sowas wie „Umweltarchäologie“ und da scheine ich auch noch richtig gut drin zu sein, weshalb mittlerweile auch Fachkonferenzen auf der Tagesordnung stehen, mal mit mehr Bezug zur Uni, mal mit mehr Bezug zum BUND.
Rückblickend wäre ich damals ohne Villigst nie nach Berlin gefahren und hätte heute auf allen Ebenen vermutlich ein komplett anderes Leben. Wahrscheinlich wäre es auch gut geworden, aber definitiv ein anderes.
Auch dafür bin ich Villigst heute dankbar, denn sonst wäre ich jetzt sicher nicht der Mensch, der ich bin. Und wegen Villigst muss sich die BUNDjugend nun immer mehr mit wissenschaftlicher Genauigkeit und Geschichte herumschlagen, auch wenn man manchmal doch einfach nur einen kleinen Instagrampost teilen möchte. Derzeit sogar dank Villigst von Stockholm aus. Wenn man mich fragt, ist das insgesamt doch ein Win-Win 😊
Was muss sich tun?
Ich sehe das aber auch als Beispiel dafür, wie abhängig wir so oft von unseren eigenen Umständen sind. Manchmal muss man auch mal Glück haben und dankbar für das sein, was einem da geschenkt wird.
Das Wertschätzen zu können sollte uns aber nicht davon abhalten, uns weiterhin für eine Welt einzusetzen, die zumindest ein kleines bisschen besser ist:
Strukturell muss Engagement nämlich für alle ermöglicht werden. Dazu gehört der Abbau von Vorurteilen genauso wie die Stärkung finanzieller Sicherheit und Unabhängigkeit insbesondere bei Frauen. Für junge Menschen gehören dort auch gute Ausbildungs- und Studienbedingungen sowie die Wertschätzung von Engagement besonders in den frühen Lebensjahren dazu. Gerade bei politischem Engagement spielt aber auch das Gefühl von Wirksamkeit eine entscheidende Rolle, weshalb beispielsweise die Beteiligung junger Menschen nicht nur aus Schein passieren darf, sondern auch echte Handlungsmacht an uns weitergegeben werden muss.6
Zudem gehört zum Wesen von Ehrenamt, dass es vielfältig ist: Ob sozial, ökologisch oder im Brandschutz aktiv, jede Aktivität hat ihren Platz und trägt zu einem solidarischen Miteinander bei. Generell können neue Ideen und Perspektiven besonders im Austausch mit anderen entstehen, weshalb auch die Förderung von Third Spaces eine entscheidende Rolle dabei spielen kann, wieder mehr Gemeinschaft zu leben.7
Aber wir können auch selbst aktiv werden! Es benötigt oft viel Mut und auch Überwindung, etwas Neues zu versuchen. Gerade wenn man sich etwas selbst noch nicht zutraut, können ermutigende Worte von anderen wahre Wunder bewirken, die Kraft für den nächsten Schritt zu fassen. Lasst uns da gemeinsam aktiv sein und ein bisschen Zuversicht verbreiten!
- 1. Simonson, J., Kelle, N., Kausmann, C., & Tesch-Römer, C. (2022).
Unterschiede und Ungleichheiten im freiwilligen Engagement. In J. Simonson, N. Kelle, C. Kausmann, & C. Tesch-Römer (Hrsg.), Freiwilliges Engagement in Deutschland (S. 67–94). Springer Fachmedien Wiesbaden.
https://doi.org/10.1007/978-3-658-35317-9_5
↩︎ - 2. Micheel, F., Schmitz, A., & Brandt, M. (2026).
Enabling Factors and Barriers to Volunteering (Potentials) in the Second Half of Life: The Role of Gender and Informal Caregiving in Germany. Nonprofit and Voluntary Sector Quarterly, 55(4), 880–905.
https://doi.org/10.1177/08997640251374269
↩︎ - 3. Kleiner, T.-M. (2025).
On Good Deeds and the Reproduction of Social Inequality: An Empirical Study on Social Class and Volunteering in Germany. Sociology, 59(5), 943–961.
https://doi.org/10.1177/00380385251343282
↩︎ - 4. Southby, K., South, J., & Bagnall, A.-M. (2019).
A Rapid Review of Barriers to Volunteering for Potentially Disadvantaged Groups and Implications for Health Inequalities. Voluntas: International Journal of Voluntary and Nonprofit Organizations, 30(5), 907–920.
https://doi.org/10.1007/s11266-019-00119-2
↩︎ - 5. Kaman, A., Devine, J., Erhart, M., Napp, A.-K., Reiss, F., Freitag, C. M., Zoellner, F., & Ravens-Sieberer, U. (2026).
Current global crises and youth mental health in Germany: The role of media use, coping and resources. European Child & Adolescent Psychiatry.
https://doi.org/10.1007/s00787-026-03092-6
↩︎ - 6. Lühr, M., Pavlova, M. K., & Luhmann, M. (2022).
They are Doing Well, but is it by Doing Good? Pathways from Nonpolitical and Political Volunteering to Subjective Well-Being in Age Comparison. Journal of Happiness Studies, 23(5), 1969–1989.
https://doi.org/10.1007/s10902-021-00480-4
↩︎ - 7. Littman, D. M. (2022).
Third Places, Social Capital, and Sense of Community as Mechanisms of Adaptive Responding for Young People Who Experience Social Marginalization. American Journal of Community Psychology, 69(3–4), 436–450.
https://doi.org/10.1002/ajcp.12531
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