BUNDjugend  

Intersektionalität

Intersektionali-what?

„Obwohl die Klimakrise ein globales Problem ist, ist Klima-Aktivismus in Europa leider weiterhin ein sehr privilegierter und weißer Aktivismus.“ – diese Kritik stammt von BPoC-Aktivist*innen aus der Klimabewegung. Auch in der Klimabewegung wirken viele verschiedene Privilegien und Diskriminierungen zusammen.

Egal ob bei den großen Umweltverbänden, bei den Schulstreiks von Fridays for Future oder auch bei Akteur*innen wie Extinction Rebellion oder Ende Gelände − bisher ist nur ein Bruchteil der Gesellschaft präsent. Woran liegt das?


PoC ist eine Abkürzung für People of Color. Der Begriff ist eine Selbstbezeichnung von Menschen mit Rassismuserfahrung, die nicht als weiß, deutsch oder westlich wahrgenommen werden. Es ist jeweils nicht die tatsächliche Hautfarbe gemeint, sondern die Benennung von Machtverhältnissen in einer mehrheitlich weißen Gesellschaft. Schwarz (Black) ist eine Selbstbezeichnung afrodeutscher Menschen und wird großgeschrieben. Indigen (Indigenous) ist die Selbstbezeichnung von Nachfahren der Menschen, die ein Gebiet bereits bewohnten, bevor sie von weißen Europäer*innen unterworfen, untergeordnet oder kolonialisiert wurden. Zusammengesetzt ergibt sich so die Bezeichnung BIPoC, die Schwarze, Indigene und People of Color zusammenfasst. Im Gegensatz dazu kennzeichnet weiß die privilegierte Position innerhalb eines rassistischen Systems. Weiß ist keine Selbstbezeichnung und wird klein geschrieben. Im Glossar der neuen deutschen Medienmacher kannst du mehr zu Begriffen und Selbstbezeichnungen lesen.


Ungleiche Machtverteilung

Eine intersektionale Perspektive kann uns helfen, zu verstehen, warum (noch) nicht alle Menschen zu gleichen Anteilen in der Klimabewegung vertreten sind. Dafür müssen wir darauf schauen, welche Formen von Unterdrückung und Diskriminierung in unserer Gesellschaft und somit auch in der Klimabewegung wirken. Rassismus, Sexismus und viele weitere Diskriminierungen sind grundlegende Verhältnisse, die unser Zusammenleben stark prägen. Für Menschen mit vielen Privilegien, mag das nicht immer offensichtlich sein.

Wer Betroffenen zuhört, weiß: Diskriminierungen wirken auf unterschiedlichen gesellschaftlichen Ebenen und können verschiedenen Formen haben. Sie betreffen den individuellen, institutionellen und strukturellen Bereich. Diskriminierung kann also im zwischenmenschlichen Miteinander (abwertende Sprüche, Witze, …), aber auch anhand von Handlungen und Regeln in Institutionen (Wer wird Chef*in? Wem werden welche Fähigkeiten zugesprochen?…) wirksam sein. Ob in der Schule, bei einer Polizeikontrolle auf der Straße oder in den Medien: Wer von einer weißen, privilegierten, männlichen, heterosexuellen, körperlich befähigten Norm (die Liste ginge noch weiter) abweicht, wird oft abgewertet oder benachteiligt. So entsteht eine ungleiche Verteilung von Teilhabe an unserer Gesellschaft.

Die unterschiedlichen Formen der Diskriminierung und das Nicht-Mitdenken unterschiedlicher, menschlicher Bedürfnisse führen zu sichtbaren und unsichtbaren Barrieren und können Menschen daran hindern, Teil der Klimabewegung zu werden.


Im Wort Intersektionalität steckt das englische Wort „Intersection“, was sich ins Deutsche mit „Kreuzung“ übersetzt. Mit diesem Bild wird verdeutlicht, dass viele Menschen nicht nur entweder von der einen oder der anderen Diskriminierungsform betroffen sind, sondern unterschiedliche Formen sich kreuzen können und verschränkt wirken. Eine lesbische, Schwarze Frau muss sich ganz anders und stärker gegen Unterdrückung wehren, als Menschen, die „nur“ von einer Form von Diskriminierung betroffen sind.


Machtverhältnisse umkehren

Was müssen wir tun, um Privilegien und Barrieren zu erkennen und diesen entgegen zu wirken?

  • Kritische Selbstreflexion: Wir sollten unsere eigenen Privilegien reflektieren und sie kritisch hinterfragen. Ernsthaft, auch wenn es anstrengend ist. Ohne Input von außen ist das schwierig, also lasst uns anfangen, uns zu informieren und zum Beispiel Workshops zu kritischem Weiß-sein, kritischer Männlichkeit, Klassismus (Diskriminierung aufgrund der sozialen Herkunft oder der sozialen Position), Ableismus (Diskriminierung wegen einer körperlichen oder psychischen Beeinträchtigung) und vielen weiteren Themen besuchen!
  • Selbstverständlichkeiten hinterfragen: „Das haben wir schon immer so gemacht“ ist ein schlechter Ratgeber, um Veränderungen zu bewirken. Wir sollten auch in Gruppen Raum für Kritik schaffen und mögliche Barrieren hinterfragen.
  • Zuhören: Menschen mit weniger oder anderen Privilegien machen andere Erfahrungen und entwickeln andere Perspektiven. Lasst uns ihnen aktiv und wertschätzend zuhören.
  • Sichtbarkeit: Überlegt euch welche Personen und Positionierungen bei euch sichtbarer sind. Wer spricht mit den Medien? Wer moderiert die Gruppentreffen? Wie sichtbar macht eure Gruppe Kämpfe im Globalen Süden? Versucht auch hier weniger sichtbare Stimmen zu stärken und in den Fokus zu rücken.
  • Zugänge ermöglichen: Oft fehlt das Bewusstsein für unterschiedliche Lebensrealitäten. Wer sich zum Beispiel um Kinder, oder pflegebedürftige Menschen kümmern muss, oder wer 40 Stunden in der Woche einem Job nachgeht, weil sonst das Geld zum Leben nicht reicht, kann sich nicht zu jeder Tages- und Nachtzeit verabreden. Außerdem finden viele Treffen von Klimagruppen in Räumen statt, die nicht barrierefrei sind. Viele Aktionen, z.B. Demonstrationen oder Aktionen zivilen Ungehorsams finden in einem Umfeld statt, zu dem Menschen, die aufgrund ihres Körpers gesellschaftlich behindert werden, keinen Zugang finden. Auch die verwendete Sprache kann ein Hinderungsgrund sein. Denkt bei euren Gruppentreffen und Aktionen unterschiedliche Perspektiven mit, sodass möglichst viele Menschen mitmachen können.
  • Solidarität: Lasst uns Menschen in ihrem Kampf gegen Diskriminierung unterstützen, ihnen beiseite stehen und aktiv einschreiten, wenn wir diskriminierendes oder grenzüberschreitendes Verhalten beobachten.
  • Geschichtskenntnis: Informiert euch über die Entstehung der Klimagerechtigkeitsbewegung, über die Kämpfe von BIPoC und/oder FLINT*-Klimaaktivist*innen auf der ganzen Welt, darüber wie Kolonialismus und Klimakrise miteinander zusammenhängen und wie aktuelle Machtverhältnisse historisch gewachsen sind.
  • Verständnis für andere Kämpfe: Wer von Abschiebung bedroht ist oder wer mit einem höheren Risiko lebt, von sexualisierter Gewalt betroffen zu werden, wird in der eigenen Freiheit beschränkt. Lasst uns Verständnis dafür aufbringen, wenn Menschen andere Kämpfe führen, die (noch) nicht eng mit der Klimakrise verwoben sind.

FLINT* steht als Abkürzung für Menschen die sich als Frauen, Lesben, Inter, Non-Binary und/oder Trans identifizieren.  Das Sternchen * weist darauf hin, dass es sich um vielfältige und konstruierte geschlechtliche Identitäten handelt. Cis ist eine Vorsilbe um das Gegenteil von Trans zu kennzeichnen, also Menschen die sich mit ihrem, bei der Geburt zugeschriebenem, Geschlecht identifizieren.


Nicht alle Barrieren können vollständig abgebaut werden. Manchmal verstricken wir uns auch in Widersprüchen, denn es ist nicht immer machbar, allen Menschen denselben Zugang zu den Angeboten der Klimabewegung zu ermöglichen. Was allerdings klar wird: Wir können uns nicht darüber beschweren, dass einige Gruppen in der Klimabewegung wenig vertreten sind und die Verantwortung abschieben. Wir müssen daran arbeiten, Barrieren abzubauen und Klimagerechtigkeit in unseren Gruppen in die Praxis umsetzen.

Um der Klimakrise und der katastrophalen Klimapolitik etwas Starkes entgegen zu setzen und um wirklich für Gerechtigkeit zu sorgen, braucht es Diversität. Es braucht Menschen mit unterschiedlichen Perspektiven, um Probleme und Lösungen in ihrer Ganzheit zu erfassen. Die Klimakrise droht, bestehende Ungerechtigkeiten und Unterdrückungs-Beziehungen zu verschärfen. Lasst uns deshalb gemeinsam an konsequenten Visionen von Klimagerechtigkeit arbeiten, bei denen alle mitgenommen werden. Um mit dem Schluss-Statement der erwähnten BPoC-Aktivist*innen aufzuhören: Power to ALL OF the people.


Photo by Seven Shooter on Unsplash